Reisebericht Flossreise Schweden
10.04.2026
Reisebericht von Jacques Berger
ACHTUNG, BAUM VORAUS!!! PADDELT LEUTE, PADDELT!!! Es nützt nichts, das Floss ist zu träge und mit einem hässlichen Knirschen bohrt sich ein Ast in unseren Zeltaufbau, reisst die Zeltplane herunter. Wir bewegen uns nicht mehr, hängen am Baum fest. Alltag auf dem Fluss Klarälven in der schwedischen Provinz Värmland, gut 300 Kilometer westlich von Stockholm.
Eine Woche lang waren wir unterwegs, legten einhundert Kilometer zurück an Bord einer 3x9 Meter grossen Konstruktion aus runden Holzbohlen und Seil. Ohne Nägel oder Schrauben, selber zusammengebaut, wohl unter professioneller Anleitung, aber trotzdem mit eigenen Händen. Das Erste was über Bord geht, ist die eigene Komfortzone. Der Fluss ist kalt, die roh behauenen Baumstämme schwer, der Himmel schickt gelegentlich Regenschauer und die Strömung hält manche Überraschung bereit – nicht nur Bäume, auch kaum sichtbare Felsen, Kehrwasser und Sandbänke gehören zum täglichen Repertoire des Flössens. Gerade Letztere enden mit schöner Regelmässigkeit mit einem Bad im kühlen Fluss, um schiebend das Floss wieder frei zu bekommen. Auch bei bescheidenem Wetter.
Es fing alles an, kurz nachdem ich meine Stelle hier bei Traveltrend angetreten habe. Das Angebot hat mich schon beim Kennenlernen unserer Produkte sofort gefesselt und es war schnell klar, dass ich dies irgendwann selber ausprobieren würde. Allein wäre dies allerdings etwas schwierig, aber schnell fanden sich im Bekanntenkreis fünf Mitstreiter, die mich nach Schweden begleiteten. Angekommen in der Basis des Anbieters, knapp fünf Stunden westlich von Stockholm, fassten wir erst mal unser Material und besuchten anschliessend noch den obligatorischen Grundkurs, der uns mit den benötigten Bau- und Knüpftechniken für das Floss vertraut machte, bevor wir die erste Nacht in Zelten verbrachten.
Der nächste Morgen brachte uns Sonnenschein und viel Arbeit – unser ganzes Gepäck, immerhin 5 grosse Holzkisten mit Material wie Planen, Küchenausrüstung, Schwimmwesten, etc. so wie unser eigenes Gepäck wollte in Lastwagen und Car verstaut werden. Diese brachten uns und die anderen Teams an unseren Bauplatz in Branäs, 100 Flusskilometer nördlich, wo uns riesige Stapel aus Rundholz, noch mehr Materialkisten und zwei Instruktoren erwarteten. Baubeginn! Weder gelegentliche Regenschauer, wütende Wespen, noch das kalte Flusswasser liess uns dabei beirren. Man stelle sich vor: da steht man bei bescheidenen 17°C in Badehose und T-Shirt im Wasser, es regnet, man friert und trotzdem alle haben einen Riesenspass daran – wird uns dies zu Hause wirklich jemand glauben? Gegen Abend war dann unser schwimmender Untersatz fertig, beladen und bereit zum ablegen – wir entschieden uns allerdings, noch eine Nacht vor Ort zu verbringen.
Am dritten Tag schliesslich, war es endlich soweit! Voller Vorfreude verluden wir noch die restlichen Utensilien und schoben unser Floss in die Strömung. Schnell machten wir uns mit den Eigenheiten der Steuerung des Flosses vertraut, bzw. mit dessen Unsteuerbarkeit. Als sich rein treibend fortbewegendes Transportmittel gibt es keine angeströmten Ruder, alle Richtungsänderungen müssen unter Muskeleinsatz gepaddelt werden. Grundsätzlich verlief aber der erste Tag auf dem Fluss ohne grösseren Blessuren.
Vom Schlafen auf dem Floss wurde dann aus Komfortgründen schnell abgesehen, weshalb wir unser Nachtlager auf einer flachen Stelle oberhalb des Ufers aufschlugen. Irgendwo mussten wir ja auch noch ein Feuer machen, um den gefangenen Hecht zubereiten zu können. Eine Delikatesse!
Der Morgen des zweiten Tages auf dem Fluss brachte uns hervorragendes Wetter, sowie die Erkenntnis, dass wir von den geplanten 100 Kilometern bereits etwa 25 hinter uns gelassen hatten. Der ansonsten traumhafte Tag wurde durch die eine oder andere haarige Angelegenheit versüsst. Die Sandbank war wohl mit einem unfreiwilligen Bad verbunden, ansonsten eher harmlos. Etwas mehr gerappelt hat die innige Bekanntschaft mit einer Felsgruppe unter Wasser – wir versuchten mit all unseren Kräften davon wegzupaddeln, aber die Strömung war stärker. Schräg seitlich trafen wir auf die Felsen, das Floss wurde heftig durchgeschüttelt und war nachher irgendwie nicht mehr ganz so stabil wie zuvor. Und seitlich schaute einer der grösseren Stämme um einiges aus dem Floss hervor… Zwei, drei Flussbiegungen weiter passierte uns das gleiche schon wieder, diesmal mit einem ins Wasser hinausragenden Baum, welche zum eingangs beschriebenen Ende unseres Zeltaufbaus führte. Langsam dämmerte uns, dass hierfür wohl der Wind die Ursache war, welcher in der Zeltplane ein willkommenes Segel sah. Keine Chance, das voll beladen zwischen fünf und sechs Tonnen schwere Floss mit unseren sechs kleinen Kanu-Paddelchen gegen den Wind zu rudern, weshalb wir das Zelt abbauten.
Der heutige Rastplatz lag bei einem Zeltplatz, etwa bei der Hälfte der Strecke. Da unser waidwundes Floss etwas Unterhalt vertragen konnte, sich zudem für den kommenden Tag mieses Wetter angekündigt hatte, wir sehr gut im Zeitplan lagen und uns selber auch etwas Ruhe gönnen wollten, beschlossen wir gleich zwei Nächte zu bleiben und uns auch noch zwei Stugas zu gönnen. Herrlich! Eine warme Dusche! Echte, trockene Betten mit Matratzen! Welch dekadenter Luxus! Auch kulinarisch zeigte sich die Anstrengungen; knapp 2 Kilo Kasseler Schinken, eine ähnliche Menge Reis plus einen Topf Gurkensalat wurden beim Abendessen innert kürzester Zeit restlos verputzt. Glauben Sie es ruhig: Flössen macht hungrig!
Der nächste Tag war wie erwähnt ein Ruhetag. Trotz Dauerregen beseitigten wir die grössten Schäden am Floss, bevor wir den Rest des Tages unsere Knochen schonten. Ein echt schwedische Fika (Kaffee und Kuchen) durfte nachmittags auch nicht fehlen und siehe da, gegen Abend besserte sich auch das Wetter wieder
So wirklich eilig hatten wir es am nächsten Tag mit unserem Aufbruch nicht. Tageslicht hatten wir ja nahezu ohne Ende – einigermassen, aber auch nicht so ganz richtig dunkel wird es Anfang Juli nur zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. Langsam schlich sich so etwas wie Routine ein, irgendwann hatten wir doch noch den Dreh raus, wie man das Floss halbwegs manövrieren konnte und der Tag verlief weitgehend ereignislos, wenn man von der Sandbank absieht, in der wir uns festsetzten.
Abends fanden wir dann wieder ein lauschiges Lagerplätzchen, ein paar Meter über dem Fluss. Oben wendeten wir uns umgehend der Mückenbekämpfung, Lagerfeuer, Nachtessen und Zelten zu. Einer muss sich derweil auch um die Toilette kümmern. Hier im Busch bedeutet dies, einfach ein Loch zu buddeln, welches idealerweise unter dem Stamm eines umgefallenen Baums platziert wird.
Zweitletzter Tag – Da wir bereits etwa 75 Kilometer hinter uns hatten, beschlossen wir an diesem Tag bis kurz vor unser Ziel in Gunnerud zu fahren. Auch wenn das Wetter zunächst noch schön war, die Lufttemperatur betrug nur etwa 18°C und lud nur begrenzt zum Baden ein. Trotzdem mussten auch heute mal wieder alle sechs Mann ins Wasser, um das Floss nach Sandbankkontakt wieder flott zu kriegen. Aber kaum hatten wir das Ding wieder in der Strömung, setzte es sich wieder fest und wir bemerkten, dass die tiefe Seite des Flusses am gegenüberliegenden Ufer verlief. Also alles noch mal von vorne…
Nachmittags gerieten wir dann aber in schlechtes Wetter. Diesmal war es nicht bloss ein kurzer Schauer, sondern Dauerregen, aber wir waren inzwischen so etwas von Outdoor-Fans, dass uns dies nichts mehr anhaben konnte. Wir fuhren bis ca. 6 Kilometer vor unser Ziel, wo wir spätabends und immer noch im Regen anlegten. Als Nachtessen gab es heute übrigens Tortellini an Beutel-Carbonarasauce, dazu regenwasserverdünntes Bier. Ein typisches Beispiel für die gesunde und ausgewogene Kost unterwegs. Aber langsam machte sich dann doch der Fluss-Blues breit und wir waren nicht unglücklich, dass wir bald am Ziel waren.
Irgendwann in der Nacht hatte der Regen aufgehört und letzte Tag begann nur noch leicht bewölkt. Wir planten, gegen Mittag in Gunnerud einzutreffen. Mit nur etwa 15 Minuten Verspätung ging dieser Plan auch nahezu perfekt auf – ein letztes Mal paddelte unser «Chef-Anleger» mit dem Kajak voraus, um unser Floss mit einem Seil an einem Baum festzumachen und als hätten wir noch nie etwas anderes gemacht, kam unser Floss perfekt vor der Ausstiegsstelle zum stehen.
Der Abbau gestaltete sich zügig. Da wir an diesem Tag keine ÖV-Verbindung nach Stockholm hatten, blieben wir noch eine Nacht in Gunnerud auf dem Campingplatz, wo wir erst einmal unsere Zelte wieder aufbauten und anschliessend innert Kürze dem Floss den Garaus machten. Die clevere Knüpftechnik kommt hier dem geneigten Flossbauer sehr entgegen. Zur Feier des Tages hatten wir uns dann zum Abendessen die unvermeidlichen Köttbullar gegönnt.
Der folgende Tag würde uns wieder in die Zivilisation zurückkehren, was seine eigenen Herausforderungen bietet. Wir erreichten indessen nach ca. 5 Stunden Fahrt wieder die schwedische Hauptstadt. Dann steigt man aus dem Zug und ist erst einmal völlig erschlagen von den Eindrücken – da ist man gerade mal eine Woche weg, ein wenig auf dem Land und lässt sich von der Natur treiben… und wird dann unvermittelt wieder in das Gehetze einer Grossstadt geworfen. Das war so ein Erkenntnis-Moment, wo man sich fragt, wie man dies zuvor ohne es zu merken irgendwie ausgehalten hat.
Tja, und dann waren wir wieder zu Hause. Was bleibt? Ausser einer ordentlichen Menge Schrammen an Armen und Beinen? Wir wollen nichts beschönigen – wenn man nicht ohnehin von Haus aus ein Outdoor-Fan ist, kann die Tour physisch wie psychisch zu einer Herausforderung werden. Aber es ist auch eine Erfahrung, die einem etwas von der Ruhe zurückgibt, die man im Alltag längst verloren geglaubt hat. Der Fluss bestimmt das Tempo, kein Stress, keine Termine, keine Deadlines. Doch, eine, Sonntag 17 Uhr mussten wir zurück sein. Aber das ist in dem Moment noch in weiter Ferne, verkommt vorübergehend zur völligen Nebensächlichkeit in all den Eindrücken, welche die Natur bereit hält. Es bleibt genügend Zeit, sich und seine Seele einfach von der Strömung treiben zu lassen.
Bloss, genau darum geht es: den Alltag über Bord werfen, Körper und Geist die Möglichkeit geben, ein paar Gänge runterzuschalten und sich bewusst in ein Abenteuer zu schicken, bei dem nicht alles vorbestimmt, 100% abgesichert und bis ins Detail geplant und vorbereitet ist. Das genaue Gegenteil dessen zu tun, was unseren Alltag bestimmt. Anstrengend? Ja, gelegentlich auch. Aber auch unheimlich erholsam und verbindend. Ein Wagnis? Kaum, es ist primär der berühmt-berüchtigte „innere Schweinehund“ der überwunden werden will. Ein Erlebnis? Auf jeden Fall! Nicht das künstliche und bunt bemalte Erlebnis eines Vergnügungsparks, sondern natürlich, roh und ungefiltert, ein wenig schmutzig vom Flussschlamm und deutlich nach Lagerfeuerromantik riechend...